An dieser Stelle zum Nachlesen ein Beitrag von mir im Forum von morbus-basedow.de

 

„Sie sind ernsthaft krank !, Herr A.“

oder Meine MorbusBasedow-Geschichte


Teil I:

Ich heiße Peter, bin heute 51 Jahre alt und Lehrer.  Seit langer Zeit weiß ich, dass meine Schild“kröte“ sozusagen meine Achillesferse ist. Schon 1981 wurde ich zum ersten Mal operiert, Teilresektion rechts wegen eines kalten Knotens.

Alles verlief gut. Danach Einnahme von Novothyral und lange, lange Zeit Ruhe. Im Sommer 1999 dann zum ersten Mal wieder das Gefühl, da stimmt was nicht an deinem Hals. Ein ganz kleiner „Knubbel“ war zu fühlen, wenn ich denn fühlen wollte, aber eigentlich wollte ich nicht. Das Ignorieren war auch nicht schwer, denn ansonsten fühlte ich mich wirklich gut. Natürlich gab es ein paar kleine Beschwerden, ich war immer schnell erschöpft, ständig lief mir bei der kleinsten Anstrengung der Schweiß von der Stirn und über den ganzen Körper, gelegentlich war ich gereizt und insgesamt hatte ich den Eindruck, nicht mehr so leistungsfähig zu sein. Aber ich ging ja schließlich auch schon auf die 50 zu und war damit nun wirklich keine 25 mehr. Ich nahm also dankbar bei jeder größeren körperlichen Anstrengung im Haus und im Garten die Hilfe meiner Kinder, besonders meiner mittleren Tochter, einem wirklichen Arbeitstier, in Anspruch. In den Spiegel schaute ich aber immer seltener, denn ich hätte ja sonst erkennen müssen, dass mein Hals besonders auf der rechten Seite allmählich immer dicker wurde.

Meine Frau drängte mich dann schließlich doch,  zum Arzt zu gehen und die Sache abklären zu lassen. „Zum Glück“ nur eine kleine Zyste und deshalb galt die Parole, erst einmal abwarten. Die „Schuld“drüsenhormone (ich lasse diesen Tippfehler als Freudsche Fehlleistung einmal stehen) waren in Ordnung und wurden seitdem regelmäßig kontrolliert. Leider wurde aus meiner kleinen Kröte eine immer größere Kröte, sodass sich irgendwann die Frage des weiteren Vorgehens stellte. Nun stand eine Punktion an, die in der Praxis einer guten Radiologin durchgeführt wurde. Zytologisches Ergebnis: keine Hinweise auf Malignität und zeitliches Ergebnis: nach 4 Wochen war die Zyste wieder voll nachgelaufen !

Zum ersten Mal stand damit die Frage einer Schilddrüsen-OP im Raume. Ich schob sie aber erst einmal vor mir her. Dafür stellten sich jetzt allmählich weitere Symptome ein, die ich bisher nicht gekannt hatte: ich wurde immer nervöser, mein Puls ging immer schneller, nachts konnte ich nicht mehr schlafen, weil ich vom eigenen Herzschlag geweckt wurde. Ich nahm massiv an Gewicht ab, 16 Kg in wenigen Wochen ! Immer öfter kamen Stimmungsschwankungen, ja Depressionen auf. Sollte es das bereits gewesen sein ? Ist mit 50 das Leben schon zu Ende ? Wie soll ich das anstehende Studium meines Sohnes finanzieren ?. Wenn ich jetzt krank werde, können wir uns unser Haus weiter leisten ? 
Ich wurde auf der einen Seite immer hektischer, auf der anderen Seite immer antriebsloser. Wenn ich von der Schule nachhause kam, war ich zu nichts mehr zu gebrauchen.
Es war kurz vor den Sommerferien 2002, ich beschloss also erst einmal in Urlaub zu fahren („Ich brauche unbedingt Erholung, dann wird’s schon wieder gehen !“) und  vereinbarte einen neuen Termin nach meinem Urlaub bei der Radiologin.

Dieser Urlaub war eine sehr zweiseitige Angelegenheit. 14 Tage am Lago Maggiore, eine wunderschöne Wohnung in atemberaubender Lage über dem See, eine Aussicht zum  Träumen, aber 13 Nächte ohne einmal durchzuschlafen.

Das Sitzen fiel mir schwer, weil schon beinahe kein „Sitzpolster“ mehr an mir war. Meine Hände zitterten jetzt beim  Zubereiten der Mahlzeiten so sehr, dass ich beim Schneiden die rechte Hand mit der linken festhalten musste, um überhaupt schneiden zu können. Und dann die Nachricht vom plötzlichen Tode eines guten Bekannten, den meine Frau und ich schon lange hatten wiedersehen wollen, wozu es aber immer wieder nicht gekommen war. Ein Zeichen ?
Bei seiner Beerdigung erkannte ich mich kaum wieder: ich war so etwas von aufgedreht und übernervös, hektisch und laut, dass ich mich hinterher, als wieder zuhause war, über mich selbst ärgerte.

Am nächsten Tag dann der vereinbarte Termin bei der Radiologin.

Schon beim Messen des Pulses (Ruhepuls 120) und beim Blutabnehmen, das sich wegen meines Zitterns äußerst schwierig gestaltete, hatte Frau Dr.G. geäußert, dass hier etwas wirklich nicht in Ordnung sein könne. Das Szintigramm bestätigte ihre Meinung und so kam es, dass ich hören musste: „Sie sind ernsthaft krank, Herr. A.! “.  Na ja, was konnte das schon heißen ? 3 bis 4 Wochen, vermutete ich. Etwas anderes lag für mich außer jeder Vorstellung, denn von der diagnostizierten Krankheit Morbus Basedow hatte ich noch nie etwas gehört !
Die Ärztin schickte mich sogleich zu meinem Hausarzt, um  ein EKG anfertigen zulassen und die weiteren Maßnahmen einzuleiten. Die Blutwerte würde sie ihm noch am gleichen Nachmittage zukommen lassen. Beim Hausarzt erhielt ich die Mitteilung, dass die Behandlung wohl kein Problem darstellen sollte, er habe schon eine ganze Reihe von Patienten mit Überfunktion behandelt. Ich bekam Beta-Blocker und Thiamazol in einer geringen Dosierung  verschrieben, dazu eine Dienstunfähigkeitsbescheinigung für 5 Tage, denn in der nächsten Woche sollte ja die Schule wieder beginnen.  Abends dann ein Anruf des Arztes: er hatte die Werte bekommen: FT3 33,8 bei Normwert 3,4 – 7,2,  FT4 > 112 bei Normwert 7,0-20, TRAKS 42 bei Normwert <10, dazu die Empfehlung der Radiologin angesichts meines sonstigen Zustandes über eine stationäre Behandlung nachzudenken. „Aber wir schaffen das auch ohne Krankenhaus, Herr A, oder ?, das war die Reaktion meines Hausarztes. Und nach einer Woche ging ich wieder arbeiten, ohne dass sich mein Zustand schon wesentlich verbessert hatte. Wie auch ?

In den nächsten Wochen ging es unter Einwirkung der Beta-Blocker allmählich mit den Pulsfrequenzen herunter. Ich schlich mich mehr oder weniger zur Schule um die von mir zu erbringenden Unterrichtsstunden abzuleisten. Zum Glück, - ich hätte das sonst sicher nicht geschafft -, waren das nur 12 Stunden, denn für den Rest meiner Unterrichtsverpflichtung war ich zu diesem Zeitpunkt durch die Dienstbehörde zur Wahrnehmung anderer Dienstpflichten freigestellt. (Ich arbeite neben meiner Tätigkeit als Hauptschullehrer noch als Berater für die Anwendung von Schulverwaltungsprogrammen sowie in der Lehrerfortbildung).

Meine Schilddrüsenwerte verbesserten sich peu a peu, TRAKs wurden aber keine mehr gemessen, warum auch immer. Gegen Ende des Jahres 2002 machte ich auf Anraten meines Hausarztes den ersten Auslassversuch, und das hätte ich besser gelassen. Meine Schilddrüse ging ab wie eine Rakete. Außerdem begann ich nun ganz langsam meine Augen zu spüren. Sie begannen zunächst zu tränen, dann sah ich schlechter und insbesondere fiel es mir immer schwerer, Doppelbilder und ein Schielen zu vermeiden. Geschielt hatte ich eigentlich schon immer, oder aber auch wieder nicht. Soll heißen, ohne meine Brille, die ich seit meinem 3.Lebensjahr trug, schielte ich immer dann, wenn ich ohne Brille scharf sehen wollte. Mit Brille schielte ich nie ! Jedenfalls bis zu diesem Moment.

Mein Hausarzt empfahl mir einen Augenarzt, ich selber hatte schon seit Jahren keinen mehr besucht, denn meine neuen Brillen ließ ich mir immer beim Optiker anpassen und zahlte sie komplett selbst.  Der Besuch beim Augenarzt brachte. außer, - natürlich ? - , einer neuen Brillenverordnung keine weiteren Ergebnisse. Im Hinblick auf eine mögliche EO wurde  die Beobachtung empfohlen, aber kein weiterer Untersuchungstermin gemacht.
Im Februar begann ich dann, die Bildschirmauflösung meines Computers herunterzuschrauben, erst auf 800X600, später auf 640X480 Punkte, damit ich überhaupt noch daran arbeiten konnte. In der Schule ließ ich mir von den Schülern vorlesen, denn ich selber konnte nicht mehr ohne Schwierigkeiten erkennen, was auf dem Taschenrechner, in den Büchern oder an der Tafel geschrieben stand.. Die Schüler, - eine 10te Klasse -, aber waren wirklich super, sie ließen es mich nicht spüren !
Nachdem ich im März den behandelnden Arzt gewechselt hatte, - ich ging nun zu einem Endokrinologen -; wurden auch wieder TRAKS gemessen und wir kamen zu der Entscheidung, dass insbesondere wegen der jetzt doch massiven Beeinträchtigung der Augen eine „finale“ Behandlung ins Auge gefasst werden müsse. Aber welche ?
Die Frage war natürlich: Radiojodtherapie oder Schilddrüsen-OP ?

Teil II:

Mein Problem bei der Entscheidung zwischen OP und RJT war zum einen die Voroperation sowie zum anderen mein Beruf als Lehrer, der ja bekanntlichermaßen seine Stimme braucht. Ich wollte nicht  mit 50 Jahren Gefahr laufen, berufsunfähig zu werden !

Also entschied ich mich für die RJT.  Kurz zuvor hatte ein großer Artikel über die Nuklearmedizinische Klinik des Bethesda-Krankenhauses in Duisburg unter Leitung von Prof. K. berichtet. Bei ihm stellte ich mich vor.
Meine Schilddrüse maß inzwischen inklusive der Zyste 85 ml, die EO hatte Stadium IV erreicht und ausgeprägte Doppelbilder sowie Motilitätsstörungen hervorgerufen. Zur Vorbereitung der RJT und zum Schutze der Augen wurde  40 mg Cortison verschrieben, die Therapie selbst für Ende Mai angesetzt.

Nach der ersten Cortisongabe dachte ich am nächsten Morgen, ein Wunder sei geschehen. Zwar waren die Doppelbilder nicht verschwunden, aber ich hatte auf einmal wenigstens ein scharfes Bild dabei ! Leider blieb dies der einzige wirkliche Effekt, den ich während der gesamten Cortisoneinnahme, die noch fast ein dreiviertel Jahr dauern sollte, spüren konnte.

Am 19.5.03 bekam ich dann 1,11 GBq 131Jod appliziert. Es wurde eine ganz, ganz ruhige Woche. Einzelzimmer mit verschlossenen (und wirklich nicht zu öffnenden !) Fenstern, morgens, mittags und abends eben das Essen ins Zimmer gestellt, ab und zu die Visite von der Türe aus und jeden Tag ab dem zweiten Tag ein Spaziergang von 10 Minuten auf dem Flur! Natürlich auch kein Besuch ! Die Mitpatienten sah man nur morgens bei der täglichen Routineuntersuchung. Ich hatte mein Notebook dabei und konnte mich ganz der Arbeit an einem Benutzerhandbuch widmen.

Bloß als die anderen gesagt bekamen, daß sie schon am Freitag entlassen würden und ich auch noch das ganze Wochenende bleiben durfte. bekam die Stimmung einen kleinen Dämpfer. Entlassen wurde ich dann mit der ausdrücklichen Aufforderung, etwas für meine Augen zu tun. Mir wurde empfohlen, an einer Strahlenklinik eine Retrobulbärbestrahlung durchführen zu lassen.
Also machte ich einen Termin mit der Augenklinik in K.. Soll heißen, mir wurde zunächst ein weit entfernt liegender Termin angeboten und erst auf Nachfrage  nach meiner Krankenversicherung, - „ach, Sie sind privat versichert „, durfte ich einen Termin Anfang Juli in meinen Terminer eintragen. Zwischendurch ging es wieder einmal an den schönsten See Italiens, diesmal per Flieger für einen Kurzurlaub über Pfingsten. Mit meinem Endo hatte ich vereinbart, einmal kurzfristig eine höhere Dosis Cortison auszuprobieren, nämlich 250 mg. Wenn, dann würde ich schon nach ein zwei Tagen eine Wirkung bemerken. Leider nur wenn, eine Wirkung trat nicht ein !

Also auf zur Augenklinik. Ich war von der Orthoptistin begeistert, die einen sehr einfühlsamen und verständnisvollen Eindruck vermittelte. Viel Hoffnung, die Doppelbilder durch Prismen ausgeichen zu können, machte sie mir allerdings nicht. Die Ärztin dagegen war von mir, oder doch eher von meinen  Augen begeistert. „Hochgradig aktive Endokrinopathie“ und andere Dinge hörte ich sie beinahe fasziniert sagen. Allerdings mehr an ihren Assistenten gerichtet, vermutlich in der Ausbildung zum Facharzt, als an mich. Der Therapievorschlag war eine Cortisonstoßtherapie mit 1000mg über eine Woche abnehmend mit stationärer Aufnahme und durch den Internisten begleitet wegen der damit verbundenen Risiken für Kreislauf und Zuckerhaushalt. „Sie bekommen auch ein sehr schönes Zimmer hieß es “, und mein schüchterner Einwand, dass ich eigentlich gekommen sei, um mit ihr über die Möglichkeiten einer Retrobulbärbestrahlung zu sprechen wurden vom Tisch gewischt mit der Aussage, dies sei alles Humbug und bringe nachgewiesenermaßen überhaupt nichts. Auf jeden Fall müsse ich zunächst einmal zur genaueren Untersuchung der Augeninnenhöhlen in die Röhre. Und schon war dafür ein Termin hausintern abgesprochen. Kein gutes Gefühl nach diesem Gespräch, insbesondere deshalb, weil nach meinem zögerlichen, „Ich bespreche das noch mal mit meinem Endokrinologen „ der Nachsatz kam: „Vielleicht geht es ja auch von ganz alleine zurück.“.

Mit meinem Endo verabredete ich, dass ich dann doch noch etwas warten wollte, um zunächst einmal zu sehen, ob und wann die absolvierte RJT Wirkung zeigen würde. Die MagnetResonanzTomographie (MRT) sollte ich allerdings über mich ergehen lassen, um einen klaren Befund zu bekommen.
Den bekam ich auch, er bestätigte das, was wir schon wussten, darüber hinaus aber auch, dass der Sehnerv bis dahin noch nicht betroffen war. Außerdem erfuhr ich so, dass eine solche Untersuchung in der Röhre den stolzen Betrag von ca. 800 € kostet !

Eine Woche später rief die Klinik übrigens an und sprach so etwas wie eine Einberufung aus. Das Bett sei nun frei und ich hätte mich dann und dann zur stationären Aufnahme zu melden. Ob da wohl ein Bett belegt werden mußte ?

Ich ging nicht, sondern machte das, was nicht nur Lehrer am liebsten tun, nämlich erst einmal Urlaub in den Sommerferien.

 

Teil III:

Wir waren diesmal im Urlaub nicht weggefahren. Nachdem wir vor den Ferien unsere Silberhochzeit und zugleich meinen 50sten groß gefeiert hatten, wollten wir einen ganz ruhigen Urlaub zuhause verbringen. Wie sich zeigte, kein sehr kluger Entschluss, denn das hieß Zeit, Zeit , Zeit.
Viel zu viel Zeit zum Grübeln und Nachdenken und so war ich heilfroh, als zu Beginn der letzten Ferienwoche bei mir endlich wieder das Telefon schellte und sich die ersten Schulen zur Beratung meldeten ( meinen Beratungsjob erledige ich hauptsächlich vom Telefon aus! ).

Meine Schilddrüsenwerte machten in der Zeit zwischen Sommer und Herbst eine echte Achterbahnfahrt. Mal FT3/4 im Normalbereich, mal FT3/4 zweifach oberhalb des Normbereiches, TSH mal 5,09, dann 0,23 und 4 Wochen später wieder 12,29. Konstant blieb allein der Wert für die Antikörper, leider konstant zu hoch.
Und meine Augen bereiteten immer mehr Probleme. Doppelbilder, das hieß für mich jetzt so etwas wie audiovisuelle Überblendeffekte. Man steht vor einer Wand und betrachtet zwei dort im Abstand von etwa 2 Metern aufgehängte Bilder. Das rechte Auge (ich nenne es mal mein „Hauptauge“) betrachtet das linke Bild, auch der Kopf zeigt in diese Richtung. im gleichen Moment betrachtet das linke Auge das rechte Bild. Wahrgenommen wird eine Überblendung beider Bilder in ein einziges Bild ! Dazu noch das Bild des linken Auges um ca. 20 bis 25 Grad gedreht ! Wirklich im schrecklichsten Sinne des Wortes eine „tolle“ Aussicht !  Abhilfe schafft nur noch ein psychisches oder physisches Ignorieren des schwächeren linken Bildes.

Das psychische Ignorieren schaffte ich immer weniger. Mir blieb eigentlich nur der Weg, ständig das linke Auge zukneifen zu müssen, wenn ich etwas wirklich klar sehen wollte. Übrigens zu diesem Zeitpunkt auch der einzige Weg, wie ich noch Auto fahren konnte.

Und so ins nächste Schuljahr ?? Der Gedanke daran machte mir wirklich zu schaffen. Ich bekam zwei neue Lerngruppen, Schüler also, die ich nicht kannte und die mich nicht kannten. Wie sollte das gut gehen ? Und dann die erste Stunde im neuen Mathematik-Erweiterungskurs des 8.Schuljahres. 37 Schüler ! Wie immer war ich zuerst im Raum und die Schüler kamen nach dem Schellen aus ihren Klassenräumen zu mir. Thomas P., 13 Jahre alt und blond, tat dies unter Absingen schmutziger Lieder.
Ich muss sofort etwas tun, dachte ich, sprach ihn mit „Du“ , - denn seinen Namen kannte ich ja noch nicht - , an und bat ihn, mit mir vor die Klasse zu gehen. Keine Reaktion ! „Nicht mit mir !“ schoss es mir durch den Kopf, schließlich war ich schon fast dreißig Jahre in diesem Job und wollte mir doch von so einem Jüngelchen nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Ich wurde also ziemlich heftig, packte ihn beinahe am Kragen und machte ihm unmissverständlich klar, dass er gemeint war. Als wir beide wieder in die Klasse kamen, fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. Er hatte nicht reagiert, weil er sich wirklich nicht angesprochen fühlte, denn meine Augen hatte ihn nicht angeschaut !! ( Eine Szene übrigens, die auch die Schüler nicht vergessen haben, wie ich in so manchem Gespräch später immer wieder hören konnte.)

Selten habe ich in einem Schuljahr so schnell die Namen meiner neuen Schüler auswendig gelernt wie in diesem Jahr !

Im Herbst war dann die Zeit zur Nachkontrolle der RJT gekommen. Das Ergebnis war niederschmetternd: Unzureichender Behandlungseffekt der RJT, unverändert floride Immunorbitopathie, Empfehlung einer subtotalen Thyreoidektomie und Vorstellung in der Augenklinik in Essen !
Da war sie also wieder: die Frage nach einer finalen Operation der Schilddrüse.

Und damit wurde es für mich ganz schwierig. Schon bei der ersten Untersuchung durch die Radiologin waren wir auf dieses Thema zu sprechen gekommen. Da ich voroperiert war, hatte die Ärztin mir die Problematik einer Zweitoperation klar gemacht und deutlich darauf hingewiesen, dass es in einem solchen Fall ganz wichtig wäre, einen erfahrenen Operateur zu suchen. Sie wies mich auch darauf hin, wo sie selbst sich in einem solchen Falle operieren lassen würde. Mein Endokrinologe, - im übrigen auch der Chef meiner Frau -, konnte natürlich auch einen guten, in diesen Dingen wirklich erfahrenen Chirurgen, bzw. eine Klinik nennen, in der ich mich behandeln lassen könnte. Der Nuklearmediziner hatte ebenfalls betont, dass ich die Klinik nicht nach der möglichst günstigen Besuchslage, sondern nach der Qualifikation der Chirurgischen Behandlung, - „und wenn man dafür nach München oder Berlin fahren müsste „ -, aussuchen sollte.
Leider war die Schnittmenge der drei empfohlenen Chirurgen leer !

Was also tun ?? Ich entschied mich nach Rücksprache mit meiner Frau für folgendes Verfahren: Den ersten Arzt aufsuchen, mit ihm über die geplante OP sprechen, sich ein Bild machen von den operativen Möglichkeiten der Klinik und den operativen Erfahrungen des Arztes und dann schließlich die Chemie sprechen lassen und aus dem Bauch heraus entscheiden. Habe ich das Gefühl, hier gut aufgehoben zu sein, dann lasse ich mich auch hier operieren !

Und so kam es, dass für  Mitte Dezember ein Klinikaufenthalt wiederum im Bethesda-Krankenhaus in Duisburg, diesmal aber in der Chirurgischen Abteilung von Prof. S vereinbart wurde.

Meine Werte hatten sich bis zum OP-Tag eigentlich ganz gut entwickelt:
FT 3 von 19,1 im November auf 3,6 im Dezember und damit im Normbereich, FT4 von 59,6 auf 9,8 und damit schon im Negativbereich gegenüber dem Normwert. Nur die TRAKs immer noch deutlich erhöht: von 9,0 auf 7,3 bei einem Normwert kleiner 1.

In der Vorbesprechung versprach Prof. S. mir, soviel wie eben ohne größeres Risiko für die Stimmbandnerven möglich von der Schilddrüse wegzunehmen.

Am OP-Tag war ich völlig ruhig. Eine Schlaftablette in der Nacht und eine Beruhigungspille am Morgen hatten mich in eine Stimmung gebracht, in der mich nichts hätte irritieren können. So gegen 10 Uhr brachte die Schwester mich in den OP-Vorbereitungsraum, ich kletterte auf den OP-Tisch hinüber, bekam ein warmes Tuch über- und den Zugang angelegt und war weg.

Als ich wieder aufwachte, war es bereits 16 Uhr. Ich hatte so gut wie keine Schilddrüse mehr (Lobektomie links und neartotale Lobektomie rechts), aber immer noch meine Stimme !!!

Die OP hatte relativ lange gedauert, weil eben doch eine ausgedehnte Narbenbildung vorhanden gewesen war. Trotzdem war es dem Operateur gelungen, sowohl den Stimmbandnerv als auch die Nebenschilddrüsen zu schonen. Ich war sehr froh, offensichtlich den richtigen Chirurgen ausgewählt zu haben. In einem späteren Gespräch mit ihm stellte sich übrigens heraus, dass er einen der beiden anderen „Kandidaten“ gut kannte, denn mit ihm hatte er früher zusammengearbeitet. Ihm hätte er diese Operation ebenso zugetraut.

Nach vier Tagen Krankenhaus durfte ich nachhause, die Stimmung war bestens, ich war bereit für die nächste Herausforderung: die Vorstellung in der Augenklinik der Uni-Kliniken in Essen.

 

Teil IV:

Ich war aus der Klinik entlassen worden mit der vorsichtigen Hoffnung des Chirurgen, „Ihren Augen wird es auch bald besser gehen, das ist meistens so !“ Leider merkte ich davon noch nichts. Dafür stand nun der seit Oktober geplante Besuch der Augenklinik in E. an. Prof. E. von der orthoptistischen Abteilung klärte mich über mögliche kommende Behandlungsschritte auf: zunächst einmal die Reaktion des Körpers auf die entfernte Schilddrüse abwarten, das Cortison langsam ausschleichen, dann eine Retrobulbärbestrahlung (hatte ich das nicht schon einmal gehört ?) durchführen lassen und schon einmal prophylaktisch einen OP-Termin für ca. Mitte des Jahres zur Behandlung der Augenschiefstellung vereinbaren. Im März sollte ich mich wieder vorstellen. Für die Retrobulbärbestrahlung wurde mir erneut Krefeld empfohlen, diesmal aber die Abteilung für Strahlenmedizin. Dort äußerte der Chefarzt Prof. S. wenig Verständnis für seine Kollegen von der Augenklinik, als ich ihm erzählte, wie diese vor einem halben Jahr die Sinnhaftigkeit der Retrobulbärbestrahlung beurteilt hatten.
Ich bekam 10 Bestrahlungen beidseitig mit einer Gesamtdosis von 10 Gy. Besonders interessant war das Anfertigen der Maske, von der ich leider versäumte, sie später als mein Eigentum mit nachhause zu nehmen. Besonders beeindruckend allerdings war das Warten im Wartezimmer, wo ich viele wirklich schwerkranke Menschen sah.
Menschen, denen die Krebsbestrahlung Spuren ins Gesicht geschrieben hatte, Menschen, für die dies hier wirklich so etwas wie die allerletzte Hoffnung war.

Inzwischen sagte meine Frau immer häufiger zwischendurch: „Ich meine, deine Augen sind nicht mehr so dick !“ Meine Schilddrüsenwerte entwickelten sich ganz allmählich in die richtige Richtung. Selbst die TRAKs gingen, wenn auch langsam, von 7,9 über 5,2, dann 4,4 auf 2,7 zurück. Allein TSH schwankte nach wie vor und wies zuletzt dann mit einem Wert von 4,5 (Normwert <4,2) schon fast auf eine Unterfunktion hin.

Mein körperliches Befinden war aber eigentlich ganz Ok, auch wenn ich manchmal ziemlich müde und leicht erschöpft war.
Dennoch wollte ich vor dem „Härtetest“ keine Angst haben. Anfang Mai ging es zusammen mit einer Kollegin und deren 8.Klasse auf Klassenfahrt nach Ameland. Nordseeluft, jodiertes Speisesalz, eine gehörige Portion Stress, dazu noch ganz viel Sonnenlicht, und trotzdem überstand ich diese Woche sehr gut. Die Schüler nahmen aber auch wirklich Rücksicht. Niemand regte sich darüber auf, dass ich fast nur Sonnenbrille trug, das fand man im Gegenteil „cool“. Und als die Schülerin Alina ein „Erinnerungsfoto“ von mir machen wollte und ich sie bat, das doch lieber nach meiner „Schiel-OP“ nachzuholen, da war das für sie gar keine Frage. 
Trotzdem war ich nach dieser Woche ziemlich platt. Außerdem hatte ich mittlerweile nicht nur einen Teil der 16 damals abgenommenen Kilos, - und ich hatte mir vorgenommen, „die kommen nie wieder drauf !“ -, sondern alle wieder zugenommen.. Und noch ein, zwei dazu ! Das brachte mich schon wieder ganz schön ins Grübeln.

Zudem rückte der angepeilte Augen-OP-Termin immer näher. Natürlich wollte ich endlich den „doppelten Blick“ loswerden, aber auf der anderen Seite war ich ziemlich ungewiss ob des möglichen Ausgangs. Ich hatte mich beinahe schon an diesen Zustand gewöhnt. Mein „Schielen“ betrachtete ich mittlerweile als das Problem der anderen, die Doppelbilder vermied ich, wo es gerade möglich war, indem ich mein linkes Auge ignorierte oder zukniff. Was, wenn dieser Zustand durch die OP nicht besser, sondern schlimmer würde ?
Ein schwacher Versuch, den Termin zu verschieben unter dem mir selbst gemachten Vorwand, ich wolle doch gerne beim 50.Geburtstag einer guten Freundin von uns am Wochenende nach der geplanten OP dabei sein, erledigte sich angesichts der Auskunft, dass ich dann erst wieder im November einen Termin bekommen würde. Also Augen zu, - in diesem Fall natürlich Augen auf ! -, und durch !

Der OP-Tag verlief diesmal anders als bei meiner Schilddrüsen-OP. Eigentlich klar, denn die OP an den beiden inneren Augenmuskeln sollte nur ca. eine dreiviertel Stunde dauern. Keine „scheißegal“-Pille also, sondern lediglich eine leichte Beruhigungstablette um halb zehn, ca. eine halbe Stunde vor der Fahrt in den Operationssaal. Das war aber auch ganz gut so, denn so konnte ich klar und deutlich die Frage der OP-Schwester verstehen: „Haben Sie eigentlich eine Jod-Allergie ?“ Und obwohl ich ja schon auf dem OP-Tisch lag, muss ich ganz schön heftig reagiert haben, denn auf mein „Bleiben Sie mir mit Jod vom Leibe, ich bin Basedow-Patient !!!!“ kam sofort die Antwort: „Dann nehmen wir zur Desinfektion eben ein anderes Mittel !“

So gegen zwölf Uhr wurde ich auf meinem Zimmer wieder wach. Auf dem rechten Auge nicht einmal einen Verband, wohl aber ein ziemlich verschleiertes Bild. Und links ein leichter Mull-Verband, der lediglich etwas Licht durchließ. Außerdem saß meine Frau an meinem Bett. Das gab mir Vertrauen und machte mich ziemlich zuversichtlich. 

Wie ein Wunder kam es mir dann vor, als der Professor während der Nachmittagsvisite den Verband vom linken Auge löste, ich auch dieses Auge öffnete und trotzdem nur ein ! verschwommener Professor an meinem Bett saß. Besser gesagt, nur ein ! verschwommenes Bild von diesem Professor ! Die Welt war wieder gerade gerückt worden ! Als ich dann versuchte, scharf zu sehen, gab es einen ganz kleinen Wermutstropfen, ich sah doch noch Doppelbilder, wenn auch in der gleichen Blickachse und nur ganz leicht in der Höhe verschoben. 
Trotzdem: kein Vergleich zu vorher !

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Die Augen-OP ist jetzt eine gute Woche her. Das Rot meiner Augen wird immer blasser und ich habe mich an die Prismenfolie auf meinem linken Brillenglas gewöhnt. Der Schielwinkel ist fast völlig ausgeglichen worden und den Rest erledigt diese Folie. 
Dies ist sicher nur das vorläufige Ende meiner Geschichte. Ich bin schon sehr gespannt, wie es weitergehen wird. Wiedervorstellung in ca. 5 Wochen in der Augenklinik. Bleibt die Folie, kann ich ganz darauf verzichten oder muss noch einmal operiert werden ? Wie entwickelt sich der winzige Schilddrüsenrest, der mir geblieben ist, weiter ? 

Wie auch immer, sicher muss man, - wie ein alter Schlager sagt - ,„das Leben eben nehmen, wie das Leben eben kommt“. Und das gilt ganz bestimmt für diese Krankheit. Dennoch darf sie nicht zum „Lebensinhalt“ werden.
Die Qualität meines Lebens darf nicht allein durch die „Werte“ meiner Hormone bestimmt sein. Dazu ist das Leben viel zu schön und zu wertvoll, ich habe schließlich nur dieses eine !